Zivilisation – ein Wertgegenstand

Newsletter  |  März 2025

Normalerweise kann uns in den Tagen der „karnevalistischen Brauchtumspflege“ in unserer Heimatstadt Köln die weite Welt nichts anhaben. Dieses Mal allerdings erreichte uns die Nachricht eines ungeheuerlichen Verrats von der anderen Seite des Atlantiks. Sofort übernahm dieser Vorfall das Kommando über unser Innenleben und attackierte alles, was wir an Karnevalszivilisation über Jahrzehnte entwickeln hatten. Eine Zivilisation, in der offenes Miteinander, Freude an Kleinem & Großem und heiteres Entdecken von immer Neuem ein Feld prägen, in dem wir uns gut aufgehoben fühlen.

Auch wenn die Attacke für uns so verheerend wirkt, sendet sie doch ein klares Signal, sich auf eine Entdeckungsreise zu Zivilisation zu machen.

Zivilisation war bisher etwas Selbst-verständliches, ein Given.

Zivilisation - ein Wertgegenstand

Jetzt wird uns plötzlich klar, wie sehr unsere Aktivitäten rund um Führen und Zusammenarbeiten durch diese Zivilisation gefördert werden. Wir promoten eine immer feiner entwickelte Führungskultur mit möglichst großer Vielfalt. Und völlig vergessen haben wir dabei das Gegenteil, das es auch gibt.

Nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine 2022 fürchteten wir – zugegebener-maßen pessimistisch – kriegswirtschaftliche Elemente würden sich in der Organisationswelt zügig ausbreiten. Das erlebten wir so nicht. Zivilisations-basiertes Miteinander blieb unangefochten: Nachhaltigkeitsorientierung, hybride Arbeitsformen und Organisationskultur im NewWork-Style prägen zunehmend die Vorstellung von Zukunftsfähigkeit.

Ab Februar 2025 sieht es plötzlich anders aus. Während der Krieg weiter im Feld ist, wird die Zivilisation von pöbelhaften Kräften ihrer Sicherheit gebenden Funktion beraubt und scheinbar überflüssig gemacht.

Was kann man lernen?

Was kann man lernen?

Hochkonjunktur haben jetzt vorgeblich einfache Lösungen, die allerdings wie Brandsätze wirken: All dieser zivilisatorische Kram werde gar nicht gebraucht und könne einfach abgeschafft werden. Die Behauptung, alles Komplexe sei überflüssig und das Leben könne viel einfacher sein, wird wie ein Heilsversprechen verbreitet.

Wer dem etwas entgegensetzen will, muss als erstes etwas Paradoxes lernen – nämlich herauszufinden, was sich von brachialen Kräften und unzivilisierten Akteuren lernen lässt.

Man kann lernen, dass man selbst unerschlossene Potenziale hat, von denen man noch gar nichts weiß. Man war bisher „blind“ für sie. Man ahnte nicht, dass man Fähigkeiten haben könnte, auf die man erst durch eine bedrohliche brachiale Gewalt aufmerksam gemacht wird.

Wenn man also einer heftigen Attacke begegnet, weist deren krasse Energie paradoxerweise auch darauf hin, dass man das Potenzial hat, den eigenen Werten und Überzeugungen die Treue zu halten. Am besten in Kohäsion mit anderen. Dann lehrt die brachiale Gewalt, dass Treue, Wohlwollen und Fairness nicht etwa treu-doof sind, sondern sogar etwas Raffiniertes und Pfiffiges haben können.

Was kann man tun?

Sich auf das Feld konzentrieren, in dem man gerade Akteurin oder Akteur ist, in dem man legitimiert ist, Spielraum hat und wirksam sein kann. Dass kann schnell zu einer aufregenden Führungsaufgabe werden. Weil es vielen anderen Orientierung gibt und ihnen die Tür öffnet, eigene Möglichkeiten einzubringen.

Attacken auf die Zivilisation (Vertrauensbrüche, Übergriffe, Anmaßung, gewaltsame Aneignung, Niedermachen von Vielfalt) senden das Signal, der gewachsene eigenen Führungs- und Organisationskultur sofort Bedeutung zu geben. Wenn sie nämlich so ist, wie sie ist, wird gerade sie in der Lage sein, solche Attacken aufzufangen.

Da Attacken auf die Zivilisation den Betroffenen den Boden unter den Füßen wegziehen und sie schutzlos machen sollen, ist gelebte Kohäsion das Gegengift.

So lässt sie sich wirksam machen:

  • Für alle erkennbar dem Umgang mit der Attacke oberste Priorität geben
  • Zeit haben
  • Im Kreisformat die Betroffenen zu Beteiligten machen
  • Alle Stimmen zum Ausdruck kommen lassen und allen zuhören
  • Dafür sorgen, dass für sehr vieles Raum und Sicherheit da sind.

Auch als Führungsperson trifft einen der Schock. Das ist ok. Denn nun weiß man auch, wie es anderen ergeht. Wenn man die eigene Verletzlichkeit ernst nimmt und angemessen mit ihr umgeht, wird einen das auf Dauer erheblich stärken. Resilienz ist nämlich nicht, so zu tun als ob nichts wäre, sondern mit dem umgehen zu können, was wirkt.

Was kann man tun?

Was erleichtert?

Was erleichtert?

Wie kann man in extremen Situationen etwas leichter die Spur halten? Um nicht da zu landen, wo man nur noch denken kann, man habe selbst keinerlei Möglichkeiten und alles sei nutzlos?

Wer sich bedroht oder angegriffen sieht, läuft leicht Gefahr, alle eigenen Entscheidungen einzig davon abhängig zu machen, was die bedrohende Seite tut. Man gerät in Fusion mit der Gegenseite und lässt sich von ihren Spielregeln dominieren. Das führt in einen „weggezogenen“ Zustand, in dem man zu den normalen eigenen Sicht- und Handlungsweisen keinen Zugang mehr hat.

Hier ist Durchlässigkeit wichtig: Man nimmt wahr, was geschieht, und wie das im eigenen Inneren wirkt. Dann ist eine innere Arbeit dran, mit der man das Geschehen und dessen Wirkung sauber voneinander trennt. Man kann die Bedrohung durch sich hindurch und dann abfließen lassen.

Das schafft Raum für eine andere Sichtweise, die nicht mehr auf die Bedrohung fokussiert. Sie nimmt die eigenen Kräfte in den Blick und lässt sich von ihnen führen. Sich führen zu lassen bringt die eigene Souveränität zurück.

Damit löst man sich aus der Vorstellung, ein schwaches Opfer zu sein – denn dieser Gedanke schwächt tatsächlich. Wenn schon Opfer, dann ein starkes: Wir halten unsere eigenen Ideen fest im Blick und lassen uns von ihnen führen; von unseren Werten, unserem Sinn, unserer Verantwortung für andere, unseren Potenzialen, unseren Errungenschaften. Überall da, wo es möglich ist, lösen wir uns aus der Verklammerung (Fusion) mit der Gegenseite. Mut ist das erste Potenzial, das man damit erschließt.

Der Wertgegenstand Zivilisation braucht Pflege

Das geht am besten, indem man die eigene Leadership entfaltet und alle anderen Beteiligten dazu ermutigt, das ebenfalls zu tun.

Wenn es gelingt, aus einem Modus von Draufhauen, Antreiben, Ausmerzen, Gewinnen-müssen hinauszufinden, wird sichtbar, dass Führen etwas sehr Feines sein kann. Es stärkt die Eigenverantwortung. Und die Hoffnung, dass man immer wieder aus blöden Situationen hinausfinden wird. Weil man der Zivilisation Vertrauen gibt.

Zivilisation wird auch dadurch gepflegt, dass man Konflikte durchwandert und einen Lösungsweg findet. Genau das ist der Mehrwert von Polaritäten und Gegensätzen: Man kommt zu etwas Neuem.

New Work ist ein Super-Pflegemittel für Zivilisation. Denn auf diesem Weg der Organisationsentwicklung darf immer etwas in Ehren zu Ende gehen, und man folgt der Sehnsucht nach Neuem. Das Wohl der Organisation, das Wohl der Mitarbeitenden und das Wohl des (Geschäfts-)Alltags bekommen gleichzeitig volle Aufmerksamkeit.

New Work wird zu einem Instrument von Zivilisation, indem es auf Kohäsion, Vertrauen und sichere Räume für Entwicklung baut.

Der Wertgegenstand Zivilisation braucht Pflege

Selbstcoaching für wirksames Führen: Zivilisation im eigenen Feld lebendig halten